Das Orakel

Es gibt auf der Erde
einen Menschen
auf der Suche nach dir.
Er wandert seit Jahren
gewundene Straßen
und hat ein atmendes Herz.
Er besitzt einen Körper,
zärtliche Hände,
einen flüsternden Mund.
In diesen Zeiten ist er einsam wie du.
Eure Wege werden sich kreuzen,
vielleicht kennst du ihn längst.
Trockne die Tränen und
halte die Augen wach,
damit du ihn erkennst,
wenn die Zeit reif ist.

 

© Friederike Hermanni, 2019

Eine Bitte

Ihre Flügel sind zerknittert,
die dunkle Rumpelkammer
tut ihnen nicht gut.

In ihr brennt Wüstensand,
kein Löschzug in Sicht,
sie fahndet nach Liebe.

Sie zittert im Tanz,
die Einsamkeit blüht
und ist kein Zuhause.

Lasst uns den Himmel anbeten:
„Umhüllt sie mit
Licht, Wasser und Wärme
und bügelt die Federn!“

 

© Friederike Hermanni, 2019

 

Freund

Es ist dein Gesicht,
das ich so lange kenne.
Es weiß um unsere Geschichte,
erinnert sich an die Feinheiten
der Berührungen von einst.

Es ist dein Gesicht,
das mich mitnimmt
auf die Reise unserer Bilder,
die getaucht sind
in das Licht aufgehender Sterne.

Es ist dein Gesicht,
dem ich mich zuwende,
es still küsse
und dessen feine Linien
Gewissheit deines Lebens sind.

 

© Friederike Hermanni, 2019

 

 

Wangerooge II

Wir stehen bis zur Taille in der Nordsee
und greifen auf die Techniken
der Wassergymnastik zurück,
um unsere Körper
nicht kühl werden zu lassen.
Unsere Augen können den Horizont
nicht ausmachen.
Er ist Teil der tief liegenden Wolken
an diesem Tag.
Unsere Haut geht in das Wasser über,
das uns auf diesem Bild umspielt.
Eine Ahnung von Licht taucht auf.

 

© Friederike Hermanni, 2019

Wangerooge I

Das Meer ist ganz still.
Das Wasser wird am Ende
zum nebelhaften Horizont.
Einen halben Kilometer weiter
spannt sich ein Regenschleier
über das Bild,
das sich auf unsere Haut erstreckt.
Diese glänzt in Badeanzügen.

 

© Friederike Hermanni, 2019

Das alte Café

Hier schmeckt der Kakao angenehm bitter.
Manche Dinge sind golden angemalt,
da schimmert ihr Alter in ganz neuem Glanz.
Der Musikapparat spielt Jazz von damals,
auf den Regalen Kleinkunst.
Hier lässt es sich einfach sein.
Wir müssen nicht auf den Hauptwegen flanieren.

 

© Friederike Hermanni, 2019